1 Jahr und 4 Tage

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Er hat nichts mit dem Thema dieses Blogs zu tun. Oder vielleicht doch, denn meine Erfahrungen verändern mich, machen mich zu der Frau und damit zu der Tänzerin, die ich bin.

Das, worüber ich schreiben möchte, ist etwas sehr persönliches und ich kann schon fast den Aufschrei hören, warum ich so etwas im Internet veröffentliche, wo es jeder lesen kann. Egal, was andere denken. Aber mir kommen dennoch Zweifel, ob ich den Artikel wirklich schreiben will. Immerhin ist es so etwas wie ein seelischer Striptease.

Aber irgendetwas in mir drängt danach. Ich WILL diese Geschichte erzählen. Natürlich habe ich sie erzählt, mehrfach, Menschen, die mir nahestehen und mir wichtig sind. Doch es scheint nicht genug. Es scheint, als müsse ich die Geschichte immer wieder erzählen. Als wäre sie sonst einfach zu groß.

Am vergangenen Montag vor einem Jahr ist meine Mutter gestorben.

Ich weiß, wir alle erleiden früher oder später diesen oder einen anderen Verlust. Und ich weiß, das Leben geht weiter. Meine Mutter und ich hatten in der Vergangenheit sicher nicht das innigste Verhältnis. Kompliziert, trifft es wohl eher. Ja, ich weiß, jeden Tag sterben Mütter, Väter, Kinder, Partner. Ich habe ein tiefes Verständnis dafür, dass die Welt sich ständig im Wandel befindet, alles entsteht und vergeht. Aber ich kann noch immer nicht ganz verstehen, wie etwas zugleich so normal, so alltäglich und doch so völlig unfassbar sein kann.

Meine Mutter litt an einer Krankheit mit dem Namen MSA,  einer neurodegenerativen Erkrankung, die sich bei ihr mit Gangstörungen ankündigte. Im Lauf der Zeit verlor sie zunehmend die Kontrolle über ihre Körperfunktionen, konnte sich kaum noch bewegen. Auch das Sprechen und Schlucken fiel ihr zunehmend schwerer.

Vor etwas über einem Jahr schlugen die betreuenden Ärzte, unterstützt vom Pflegepersonal, vor, sie solle sich nochmals in einer Klinik untersuchen lassen. Ich hielt das für eine gute Idee. Meine Mutter wollte nicht. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie bei jeder ihrer Entscheidungen unterstützen würde. Sie entschied sich, doch ins Krankenhaus zu gehen. Viel tun konnte man dort allerdings nicht für sie, gegen MSA gibt es keine wirksamen Medikamente. Es wurde über eine PEG-Sonde nachgedacht. Dann kam das Fieber.

Die Ärzte konnten es sich nicht erklären. Meine Mutter wurde jeden Tag schwächer, erkennbare Gründe gab es dafür nicht. Jeden Tag wurde es schwieriger, sie zu verstehen. Jeden Tag habe ich ihr ein großes Eis in der Caféteria gekauft und es ihr angereicht. Nur einmal hat die Schwester es mir verboten. Das tut mir heute noch weh.

Als ich sie an einem Freitag besuchte, wollte sie mir etwas ganz wichtiges sagen. Sie hat es mehrfach versucht. Aber ich konnte sie einfach nicht verstehen. Irgendwann verabschiedete ich mich mit den Worten, dass ich sie lieb hätte und sie mich und dass damit doch alles wichtige gesagt wäre. Später habe ich erfahren, dass sie meiner Tante früher am Tag, als sie noch nicht so erschöpft war,  gesagt hat, dass sie es diesmal nicht schaffen würde.

An dem Abend feierte eine meiner Schülerinnen ihren Junggesellinnen-Abschied bei mir im Studio und wir hatten beim gemeinsamen Tanzen,  Märchen erzählen und Tee trinken eine wirklich gute Zeit. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Dillingen, dort wurde an dem Tag die Eröffnung unserer Buchhandlung gefeiert, auf die wir monatelang hart hingearbeitet hatten. Es war gegen halb zehn, glaube ich, als der Anruf vom Krankenhaus kam. Meine Mutter hätte in der Nacht einen Erstickungsanfall gehabt und läge auf der Intensivstation. Ihr Zustand sei stabil, aber vielleicht wollte ich ja vorbeikommen. Ich sage meinen Kollegen kurz Bescheid und fahre mit meinem Freund ins Krankenhaus.

Zur Intensivstation gehe ich allein. Meine Mutter liegt auf einem Krankenbett, in dem sie zu verschwinden scheint. Überall piepsen Geräte, flackern Bildschirme. Sie ist nicht wirklich bei Bewusstsein und hat immer noch Probleme beim Atmen. Die Beatmungsmaske ist zu groß, passt nicht. Überall entweicht Luft. Beim Versuch, die Maske wirklich fest ans Gesicht anzupressen, wimmert meine Mutter. Dabei ist sie immer unglaublich gut darin gewesen, Schmerzen zu ertragen.

Ich sitze an ihrem Bett und rufe die Elemente herbei. Ich stelle mir vor, wie sie ein schützendes, stabiles Nest aus Zweigen bilden, in dem meine Mutter liegt. Sie atmet etwas ruhiger.
Kurze Zeit später bittet man mich, zu gehen.

Ich bin kaum in unseren neuen Laden angekommen, wo die Eröffnungsfeier auf Hochtouren läuft, als das Telefon klingelt. Die Klinik. Der Zustand meiner Mutter hat sich verschlechtert, es wäre besser, wenn ich wieder käme. Und ich solle die Patientenverfügung mitbringen.

Mein Freund übernimmt es, den anderen Bescheid zu geben. Ich selbst gehe kommentarlos weg. Im Krankenhaus nimmt mich die Ärztin direkt beiseite. Meine Mutter kann nicht mehr selbständig atmen, ist abhängig von den Geräten. Ob ich wüsste, was sie sich in einem solchen Fall gewünscht hätte. Ja, das weiß ich. Meine Mutter und ich haben uns nicht davor gedrückt, darüber zu sprechen. Mir ist klar, dass sie nicht von einer Maschine beatmet werden will. Die Ärztin nickt. Sie verspricht mir, dass meine Mutter nicht leiden wird. Niemand müsse in einem Krankenhaus qualvoll ersticken.

Wir gehen zurück zu meiner Mutter, die Ärztin nimmt die Maske ab. Ich blicke meiner Mutter in die Augen und frage sie, ob sie möchte, dass das alles aufhört. Sie kann nicht mehr sprechen, aber ich kann ihre Zustimmung in ihrem Blick erkennen. Ich nicke der Ärztin zu, sie entfernt alle Schläuche und Gerätschaften und verlässt den Raum. Wie lange es noch dauern wird? Kann man nicht sagen. Vielleicht einige Tage. Ich habe das Gefühl, dass es schneller gehen wird. Ich setze mich ans Krankenbett, nehme die Hand meiner Mutter und verspreche ihr, dass sie keine Schmerzen mehr haben wird und dass sie aufhören darf, zu kämpfen. Und dass ich bei ihr bleibe. Mein Freund sitzt neben mir und drückt meine Hand, wenn es mir ab und an kurz zu viel wird. An den Geräten kann man ablesen, dass alle Lebensfunktionen stetig schwächer werden.

Meine Mutter nimmt uns schon gar nicht mehr richtig wahr, glaube ich, sie ist schon auf dem Weg von hier fort. Sie versucht, ihren Arm zu heben, schafft es aber nicht. Ich nehme ihre Hand und lege sie auf meine Wange. So? frage ich sie. Sie blinzelt.

Ich chante heidnische Lieder. Vermutlich hält mich das Personal für verrückt, aber das ist mir egal. Meine Mutter ist Buddhistin, aber ich kenne ihre Rituale nicht. Ich denke, meine werden es auch tun. Ich schließe die Augen. Vor meinem inneren Auge stehe ich mit meiner Mutter in einem Wald vor einem leuchtenden Tor-Bogen. Ich küsse sie auf die Stirn, sie küsst mich auf die Stirn. Gar nicht so wie Mutter und Tochter. Eher wie Schwestern. Neben mir steht, Ruhe und Kraft spendend wie immer, mein Seelentier. Dabei kommt mir der Gedanke, dass ich gar nicht weiß, welches Krafttier meine Mutter hat.

Ich öffne die Augen und sehe auf der anderen Seite des Krankenbettes einen weißen Tiger. Er blickt auf und schaut mir direkt in die Augen. Dann erhebt er sich und läuft geschmeidig zur Tür hinaus. In dem Moment, als er die Tür verlässt, fallen alle Werte auf den Monitoren auf null. Es ist 20:03 Uhr.

Die Ärzte betreten den Raum, sprechen mir ihr Beileid aus, fragen mich, ob alles okay ist mit mir. Was soll ich dazu sagen? Wir werden kurz rausgeschickt, danach dürfen wir wiederkommen, um uns zu verabschieden. Aber das ist nicht meine Mutter, die da liegt. Ich küsse sie, sage ihr Lebewohl und verlasse das Krankenhaus.

Auch heute, über ein Jahr später, fällt es schwer, meine Gefühle und Gedanken auszudrücken. Es klingt seltsam, fast schon skandalös: Dies ist die schlimmste und zugleich großartigste Erfahrung, die ich in meinem Leben bislang machen durfte.

Ich hab Dich lieb, Mama!

3 thoughts on “1 Jahr und 4 Tage

  1. Loumi sagt:

    Hallo Liebes,
    ich weiß du wirst mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich heute, bevor ich den Artikel las, an dich, deine Mama und Eure wunderschöne Abschiedszeremonie gedacht habe. Ich finde, es gibt vieles, was nicht unbedingt ins Internet gehört. Aber deine Geschichte und so viele andere gehören überall hin. Man kann sie garnicht oft genug erzählen. Ich wünschte, wir hätten weniger Angst davor.
    Ich hab dich lieb, Tanja!

  2. Ariel sagt:

    Liebe Tanja,
    du bist in meienm Herzen!!!

  3. Einedor sagt:

    Der Abschied von einem geliebten Menschen ist nie wirklich leicht und es tut mir leid zu lesen, dass der Abschied von Deiner Mutter Dir so weh getan hat. Aber das ist normal und macht Dich zu einem Menschen. Als ich ein Famlienmitglied verloren habe und im Krankenhaus war um von ihrem nur noch durch Maschinen belebten Körper Abschied zu nehmen, habe ich sie auch nicht wieder erkannt. Das Gesicht war eingefallen und ihre Haut hat sich nicht mehr richtig nach Haut angefühlt. Es ist schlimm, dass wir so etwas durchmachen müssen. Darum von mir nachträglich: Mein herzliches Beileid.

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