Out of the box! Oder: Die Tänzerin aus dem Karton.

Wenn man professionelle Tänzerin ist, erlebt man ja so einiges. Und die meisten Sachen erwischen einen eiskalt, z.B. am Telefon:

*ring**ring*

„Tanja Karmann, hallo!“

„Bin ich da richtig bei der Bauchtänzerin?“

„Ja, das sind Sie. Was kann ich für Sie tun?“

„Ja, mein Bruder feiert am Sonntag in XY in seinen 60. Geburstag und da würden wir Sie gern engagieren. Ich habe mir das so vorgestellt, dass wir Sie als Überraschung in einen Karton verpacken. Was würde das kosten?“

Und da war der Moment. Eiskalt. Ich hatte beim Anfang des Satzes innerlich schon ein wenig geseufzt, hatte ich mich doch auf mein freies Wochenende gefreut (sind ja so selten) und die Vorstellung, um Mitternacht durch das halbe Saarland zu fahren, war nicht gerade berauschend. Aber gut, ist ja mein Job. Aber Moment. Hat die gerade „Karton“ gesagt???

Ich hake nochmal nach. Ja, die nette Dame hat Karton gesagt und auch schon ziemlich genaue Vorstellungen. Eine Torte, wie man sie gleich vor Augen hat, sei nicht aufzutreiben. Aber man würde einen entsprechend großen Karton besorgen und schön mit Geschenkpapier verkleiden, darin solle ich dann Platz nehmen. Den Karton samt Inhalt (also mir!) würde man dann mit einem kleinen Karren in den eigentlichen Partyraum fahren.

Ich glaube, ich war von dieser Anfrage einfach zu überrascht, um tatsächlich darüber nachzudenken. Das ganze klang ja auch schon irgendwie ziemlich witzig, ich mag ja experimentelle Sachen. Wir verhandelten noch ein wenig über den Preis (naja, verhandelt wurde nicht wirklich – ich nannte ihn und meine Auftraggeberin versuchte, ihn zu drücken. Aufgrund der gegebenen Umstände blieb ich aber hart.) und ich sagte zu.

Am entsprechenden Abend waren die Auftrittsvorbereitungen nicht anders als sonst aus. Am Auftrittsort angekommen, schickte ich meiner Auftraggeberin eine sms und ließ mich ungesehen von ihr ins Haus und einen kleinen Nebenraum lotsen. Und da stand er. Der Karton. Ziemlich groß, mit buntem Papier beklebt und auf einem Rollwagen.

Die Frage, wie ich aus dem Ding wieder herauskomme (und das auch noch möglichst elegant), klärt sich schnell, denn die vordere Wand ist nur leicht mit einigen Streifen Klebeband fixiert und kann einfach weggedrückt werden. Aber wie komme ich in das Ungetüm hinein? Auf dem Rollwagen stehend reicht es mir immerhin bis zur Brust! Aber man weiß sich ja zu helfen, also: einen Stuhl neben den Karton stellen, einen zweiten in den Karton. Auf den Stuhl außen klettern und von dort auf den Stuhl innen klettern. Vorsichtig vom Stuhl in den Karton steigen und den Stuhl mit Hilfe einer weiteren Person nach außen heben. Geschafft. Nun noch klein zusammenkauern, Deckel schließen, Schleife oben drauf legen.

Es geht los.

Den Rollwagen zu manövrieren ist wohl nicht so einfach wie gedacht. Es rumpelt, wackelt und stockt und vor meinem inneren Auge sehe ich schon, wie das ganze umkippt und ich dem Geburtstagskind vor die Füße rolle. Ich werde durch einen Flur in einen Saal gerollt (oh, wie sich das anhört *g*), das Licht ändert sich, ich höre Geräusche. Ich bin völlig orientierungslos😉 Dann endet meine Fahrt und ich höre – gedämpft – die ersten Klänge meiner Auftrittsmusik. Na dann … los geht’s! Hoffentlich ist mein Kostüm während des Kauerns am Boden nicht verrutscht …

Die folgenden Sekunden sind … atemberaubend *g* und nichts hätte mich darauf vorbereiten können. Wenn man als Tänzerin für einen Geburtstag gebucht wird, handelt es sich ja meistens um eine Überraschung und in den wenigstens Fällen weiß man, wie der Raum aussieht, wie der Boden ist, wieviel Menschen da sind, wo das Geburstagskind genau steht … aber man hat doch zumindest die Chance, beim Betreten des Raums mit einem schnellen Rundblick die Situation zu erfassen. Diese Möglichkeit habe ich hier nicht – die Musik beginnt, der Karton wird zerrissen, ich schlängel mich (hoffentlich halbwegs elegant) nach oben – und finde mich dicht umringt von schätzungsweise 50 Personen jeglichen Alters, die mich in absoluter Feierlaune enthusiastisch in Empfang nehmen. Mindestens ebensoviele Kameras und Handys sind auf mich gerichtet. Der Wagen mit dem Karton wird weggerollt, so dass ich wenigstens ein bißchen Platz habe, um mich zu bewegen. Es dauert keine 20 Sekunden, da tanzt ein junges Mädchen mit mir, gefolgt von einem älteren Herrn. Die Umstehenden klatschen, tanzen, singen mit. Energie pur – sozusagen von 0 auf 100. Ich tanze, was das Zeug hält – und schon ist alles wieder vorbei.

Ehe ich mich versehe, sitze ich wieder in meinem Auto und fahre nach Hause. Irgendwie bin ich mir gar nicht so sicher, was da gerade genau abgegangen ist🙂

Fazit: Auch wenn ich anfänglich etwas skeptisch war – ich würd’s wieder tun🙂 Allerdings rate ich allen, die es auch mal ausprobieren wollen, es sich gut zu überlegen, denn es gehört schon eine gute Portion Mut, Verrücktheit und Auftrittssicherheit dazu.

 

Hüftschwingende Grüße

Eure Asherah

 

Bildnachweis: Umzugskarton. (c) HornM201 über WikiCommons

11 thoughts on “Out of the box! Oder: Die Tänzerin aus dem Karton.

  1. haascore sagt:

    Man stelle sich vor, die wären alle nackt gewesen … oder würden alberne Kostüme tragen … oder Aliens … oder es ist niemand da … oO

  2. anahitakiel sagt:

    Hihiiiiii … sowas habe ich auch mal gemacht … allerdings unter Vortäuschung einer kleinen Gemeinheit😉 :
    In den Karton wurde mir ein Cassettenplayer mitgegeben. Auf dem Band war Schweine-Gequieke aufgenommen. Ich mußte das Band abspielen, sobald ich vor dem Geburtstagskind plaziert wurde (ich mußte mich schwer zusammenreißen, damit ich nicht vor Lachen lospruste). Das Geburtstagskind tat einen Schrei des echten Entsetzens aus: „Neiiiiiiiiiiiiiin … ich will kein Ferkel … seid Ihr bescheuert !?!?!?!?“
    Man, war der erleichtert, als ich aus der Kisten auftauchten.🙂

  3. Saahira sagt:

    Hihi…lustige Sache…kann was zu beitragen. Anruf am späten Samstagabend…ich hatte eigentlich einen gemütlichen vorgehabt mit ausgiebiger Wellness und hinterher mit meinem GG zuhause gemütlich machen. Aber es ist ja mein Job…also habe ich mir die Anfrage angehört und stand erstmal mit offenem Mund am Telefon…mein Chef hat Geburtstag und wir wollten ihm eine besondere Überraschung bieten….er hat ein Sägewerk und feiert in der großen Halle. Alles ist bereit …es werden 300 Leute kommen…wir hatten uns vorgestellt das wir sie im Traktor mit großer Schaufel vornerdran direkt vor die offene Halle fahren und dann tanzen sie von der Schaufel runter direkt in die Halle hinein…ich habe Höhenangst…erstmal lief ein furchtbarer Film vorm inneren Auge ab…aber ich wurde beruhigt..die Schaufel ist ganz niedrig🙂 aha….habe zugesagt und mich in der Wohnung des netten Mannes umgezogen …mich auf die schicke Couch drapiert die auf der Baggerschaufel (oder Trekkerschaufel wie auch immer genannt) stand…und hörte nebendran die Kühe muh muh…während ich die 150 Meter zur Halle gefahren wurde…verhüllt von einem schicken Vorhang der um die Schaufel drapiert war. Als ich dann den Vorhang lüftete und in die Halle hineintanzte…war die Überraschung komplett🙂 hat Spass gemaht im Endeffekt und viel Freude gebracht ..war dies Jahr im Frühling🙂

  4. Das mit dem Ferkel war jetzt der endgültige Brüller!🙂 Wir sollten mal aus einer Torte steigen, aber die Umsetzung war mir dann doch nicht klar.

  5. Das Sofa auf der Trekkerschaufel ist aber auch seeeeeeeeeehr klasse.😀😀😀
    Nagwa Fouad liess sich bloss auf ’ner Saenfte reintragen – wie spiessig.😉

  6. Gegen eine Sänfte hätte ich nichts, die aber dann zum Hinaustragen.🙂

  7. […] es gibt kaum Wünsche, die ich oder wir nicht erfüllen. Ich erinnere da mal an die Aktion mit der Tänzerin aus dem Karton. Oder die Anfrage der lieben Kollegin Irene Ibrahim, ob ich ein Märchen vertanzen könne. Dieses […]

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