Das Märchen von der traurigen Prinzessin

alhambraIn einem fernen Land tief im Orient, lebte einst eine Prinzessin. Weil sie eine Prinzessin war und Tochter des mächtigen Sultans, der das Reich regierte, lebte sie in einem prächtigen Palast. Wenn sie sich morgens aus den weichen Kissen ihres Bettes erhob, konnte sie durch eine mit Schnitzereien verzierte Tür direkt hinaus in den Innenhof treten, in dessen Mitte sich ein herrlicher Springbrunnen befand. Zu jeder Tages- und Nachtzeit standen der Prinzessin zahlreiche Dienerinnen zur Seite, die ihr jeden Wunsch erfüllten, sei es eine Süßspeise aus der Palastküche, ein Bad im prunkvollen Hamam oder das sanfte Lautenspiel im abendlichen Rosengarten.Doch all diese Schönheit und der Reichtum, die die Prinzessin umgaben, konnten sie nicht glücklich machen. Schon als Kind war sie eher still und ruhig gewesen und als sie erwachsen wurde, konnte man sie stundenlang allein im Palastgarten spazieren gehen. Dann und wann blieb sie stehen und strich gedankenverloren über eine der Rosenblüten, deren volle Schönheit und zarter Duft doch nicht ihr Herz erreichen konnten. Ihr sehnsuchtsvoller Blick und ihres trauriges Seufzen erfüllte die Luft, die Dienerinnen wurden zunehmend still und eine düstere Wolke der Trauer legte sich über den ganzen Palast, als wäre die Prinzessin von einer ansteckenden Krankheit befallen, die sich nun auf den ganzen Palast ausdehnte.

Eines Abends – die Sonne ging gerade unter und tauchte den Innenhof in ein weiches Licht – ging die Prinzessin wieder einmal allein in den weitläufigen Gärten spazieren und kam zu einem Beet voller schillernder Orchideen. Doch als die Prinzessin ganz wie es ihre Gewohnheit war mit ihren zarten Fingerspitzen über die leuchtenden Blütenblätter strich, da verloren sie mit einem Mal ihre Farbe und das strahlende Rosa wich einem matten Grau.

An diesem Abend hörte man die Prinzessin zum letzten Mal sprechen.

Auch am nächsten Tag ging die Prinzessin wieder in der Abendsonne hinaus in den Palastgarten und wanderte an den gepflegten Beeten entlang. Doch überall dort, wo sie ihre Füße hin lenkte, vergingen die Farben der Pflanzen: Die Blätter verloren ihr kräftiges Grün, die Früchte an den schön geschnittenen Orangenbäumchen wurden grau und die zart-weißen Lilien fast durchscheinend, als auch aus ihnen alle Farbe wich. Die Prinzessin wanderte weiter durch die Gärten und gleichsam mit ihren Schritten legte sich ein graues Tuch über die ehemalige Farbenpracht. So kam sie zu dem Springbrunnen in der Mitte des Innenhofes und als sie ihre Hand in das Becken tauchte, um sich an dem kühlen Wasser zu erfrischen, da verblassten nicht nur die blauen Kacheln zu einem zarten Grau, sondern auch das Wasser verlor jedes Glitzern.

An diesem Abend sah man die Prinzessin zum letzten Mal etwas essen.

Doch sie wanderte weiter jeden Tag durch die Palastgärten, aus denen derweil alle Farben gewichen waren. Und als sie so durch die grauen Innenhöfe wanderte und ihre Hand an den farblosen Blüten entlang strich, da wurde mit einem Mal auch ihre zarte Hand ganz blass und ein helles Grau überzog den Arm der Prinzessin, bis auch sie ganz bleich und farblos war.

Da ging die Prinzessin zurück in den Palast, legte sich in ihr Bett und stand nicht mehr auf.

So lang sie Tag um Tag, sprach nicht, aß nicht und fand an nichts mehr Freude. Und die weichen Kissen um sie herum verloren ebenso ihre Farbe wie die Vorhänge und die Teppiche in ihrem Gemach.

Der Sultan war in größter Sorge um seine einzige Tochter und ließ nichts unversucht, um sie aus ihrem Trübsinn zu befreien: Er hieß den Koch, die delikatesten Speisen aufzutragen, stellte Musikanten, Geschichtenerzähler und Gaukler an und schickte seine Diener zum Basar, wo sie allerlei Spielzeug und wundersame Dinge für die Prinzessin erstanden. Doch kein Konfekt, kein Zauberkunststück und keine Spieluhr konnten die Prinzessin zum Lächeln bringen.

Als das Grau das Gemach der Prinzessin überdeckt hatte und sich über die Tür hinaus in den Palast auszubreiten begann, ließ der Sultan nach weisen Männern, Alchemisten und Kräuterfrauen schicken. Sie untersuchten sie mit unterschiedlichsten Gerätschaften, verabreichten ihr scheußlich schmeckende Tinkturen, verbrannten Mischungen aus seltenen Kräutern oder anderen seltsam anmutenden Zutaten, befragten die Sterne und die Eingeweide von Tieren und legten verschiedene Edelsteine in geheimnisvollen Mustern rund um das Bett der Prinzessin. Doch diese seufzte nur und schaute weiter mit traurigem Blick aus dem Fenster hinaus in den Himmel.

Als der ehemals prächtige Palast vollends blass und matt geworden war, und das Grau sich der Straßen der Stadt bemächtigte und die Häuser überzog, trat große Rat zusammen, der aus den mächtigsten und reichsten Kaufmännern der Stadt bestand. Sie berieten lange, was zu tun sei, und schließlich schickten sie Botschafter in alle ihnen bekannten Städte und in benachbarte Reiche und baten um Hilfe. Doch nirgends auf der Welt hatte man von der seltsamen Krankheit gehört, die die Prinzessin befallen hatte, und niemand kannte ein Heilmittel.

Und so kam es, dass sich die Farben des ganzen ehemals so prächtigen Reichs des Sultans auflösten und alles blass und grau wurde, bis selbst die Sonne ihren Glanz verlor. Und mit den Farben verschwand auch die Freude aus den Straßen der Städte und von Marktplätzen der Dörfer und die Menschen wurden still und leise und sprachen nur das das Nötigste.

Eines Tages kam ein junger Wanderer an die Grenzen des Reiches und obwohl er sich wunderte, wie grau und still es überall war, setze er mit einem Pfeifen auf den Lippen seinen Weg fort. Er trug kaum etwas bei sich, außer den Kleidern an seinem Leib und einer kleinen Tasche, doch auf den Rücken hatte er einen Käfig geschnallt, in dem ein kleiner Vogel saß, dessen Federkleid in allen Farben des Regenbogens schillerte.

Der junge Mann wanderte an den Feldern vorbei, kam durch Dörfer und Städte und erreichte schließlich die Hauptstadt und den großen Sultanspalast. Und weil bis dahin niemand ihn angesprochen geschweige denn aufgehalten hätte, sprach er zu sich, dass er noch nie im Inneren eines solch prachtvollen Palastes gewesen sei und diese Gelegenheit nicht ungenützt lassen wollte. So trat der durch die Türen der Palastmauer und ging durch die Gärten und Innenhöfe. Die wenigen Diener, auf die er traf, beachteten ihn kaum und so drang er schließlich bis in das Innere des Palastes vor und betrat das Gemach der Prinzessin, die wie immer in ihrem Bett lag und nicht aufsah, als der Fremde den Raum betrat. Doch obwohl – oder vielleicht gerade weil – die Prinzessin so traurig und einsam vor ihm lag und nicht mit ihm sprach, verliebte sich der Wanderer sogleich in sie, setzte sich an ihr Bett und wich den ganzen Tag nicht von ihrer Seite.

Am Abend betrat der Sultan das Gemach seiner Tochter und erschrak, als er den Fremden am Bett seiner Tochter sitzen sah. Der Wanderer versuchte, sich zu erklären und gestand dem Sultan, sich unsterblich in die Prinzessin verliebt zu haben. Da wurde der Sultan zornig, rief nach den Palastwachen und stürzte sich sogar selbst auf den dreisten Fremden. Dabei stieß er gegen einen kleinen Tisch, der neben dem Bett seiner Tochter stand und auf den der Wanderer den Käfig mit dem bunten Vogel abgestellt hatte. Der Käfig stürzte mit lautem Poltern zu Boden, wobei sich die Tür öffnete und der kleine Vogel hinausflog. Er drehte eine Runde durch das Gemach und landete auf dem Fensterbrett, direkt im Blickfeld der Prinzessin.

Der Sultan wollte sich schon zum Fenster stürzen, um das Tier zu vertreiben, da begann der Vogel zu singen.

Erst ganz leise und zaghaft, dann immer munterer und fröhlicher zwitscherte er sein Lied, dessen Töne fast greifbar in der Luft des Gemachs lagen und sich von dort aus über den ganzen Palast ausbreiteten, bis selbst die Diener in den entferntesten Räumen den Klang vernahmen und fast erschrocken aufmerkten. Der Sultan hielt inne und starrte wie gebannt auf den kleinen Vogel, dessen Lied jetzt von der Schönheit der Blumenwiesen, vom Duft frisch gebackenen Brotes und vom Geschmack klaren Wassers zu erzählen schien und im Sultan eine wage Erinnerung an vergangene Freuden weckte. Die Diener des Palastes wurden von der Melodie angelockt und betraten einer nach dem anderen das Gemach der Prinzessin, um den Vogel zu betrachten, der jetzt von Sehnsucht, von Freundschaft und Liebe sang. Und als der kleine Vogel so sein Lied zwitscherte, da lösten sich mit einem Mal die Farben seines Gefieders und flossen wie ein Wasserfall von ihm herab über das Fenster und die Wand hinunter zum Boden. Und während der Vogel weiter sang, da erreichten die Farben die Pfosten des Bettes, den Saum der herabhängenden Vorhänge und die Füße der Diener. Sie erreichten den Sultan, dessen Gewand und Turban plötzlich wieder in den prächtigsten Farben strahlten, sie erreichten die kunstvollen Teppiche an den Wänden und die Kissen, auf denen die Prinzessin lag. Und sie erreichten die Prinzessin, tauchten ihre Gewänder in sanfte Töne und zauberten einen rosigen Hauch auf ihren Lippen und Wangen. Der Vogel zwitscherte weiter und ein Lächeln erschien auf die dem Gesicht der Prinzessin, dessen Strahlen den Raum erhellte und sich zusammen mit den Farben über den ganzen Palast, die Stadt und das Reich ausbreitete. Als das Lied des Vogels verstummte, setzte sich die Prinzessin auf, klatschte in die Hände und umarmte erst ihren Vater und dann den fremden Wanderer. Da umarmten sich auch die Diener und aufgeregtes Erzählen und Lachen drang durch den Palast.

Der Vogel aber saß immer noch auf der Fensterbank und sein Gefieder war blass und grau und sein Gesang sollte nie wieder zu hören sein.

 

Hinweis:
Diese Kurzgeschichte unterliegt dem Copyright, daher: Nachdruck undVervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit meiner ausdrücklichen Genehmigung! Natürlich freue ich mich über Verlinkungen zu dieser Seite und ich habe auch nichts dagegen, wenn Ihr die Geschichten aus dem Märchenzelt für Eure privaten Zwecke ausdruckt.

Bildquelle:
Löwenhof, Alhambra, Spanien via WikiCommons.

2 thoughts on “Das Märchen von der traurigen Prinzessin

  1. Oh, wie wunderschön und traurig zugleich. Ein nachdenklicher Start in den heutigen Tag.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s