Rezension: „Die mit dem Bauch tanzen“

DieMitDemBauchTanzen

Als ich vor einigen Wochen hörte, dass eine junge Regisseurin eine Dokumentation über ihre Mutter und deren Bemühungen, ihre Wechseljahre mittels Bauchtanz zu überstehen, gedreht hat, war mein Interesse sofort geweckt. Zum einen allein schon deshalb, weil „meiner“ Passion ein Kinofilm gewidmet ist – ein Bauchtanz-Film! Das muss man sich doch ansehen!🙂 Zum anderen fand ich aber auch die Frage spannend, wie Bauchtanz sich auf das Selbstverständnis von Frauen auswirkt, ob es einen Unterschied macht, wenn man dem Alter tanzend entgegentritt.

Im Vorfeld hatte ich zwei Rezensionen von Kolleginnen gelesen, eine von Raksan aus Berlin, die Ihr hier bei Y2B nachlesen könnt, und eine von Artemis aus Stuttgart, die Ihr Euch hier ansehen könnt. Beiden Besprechungen gemeinsam ist die Aussage, dass das gezeigte einen sich – so Artemis wörtlich – „im Kino schämen ließ“ und dem Ansehen des Orientalischen Tanzes großen Schaden zufüge.

Oha.

Zugegeben – und es tut mir schon ein bißchen weh, das zu sagen – die Frauen, die in dem Film zu sehen waren, „können“ nicht wirklich tanzen. Man erkennt zwar ganz klar verschiedene Bewegungen wie Hüftschleifen, Kicks oder Drops, aber mit den Grundprinzipien wie Isolation oder Ebenentrennung ist es nicht weit her. Haltung und Spannung sucht man meist vergeblich und es schien mir, als könnten die Frauen zwar jede Menge Choreos, aber keine so richtig.

Aber sie tanzen! Und wie! Ich hab noch nie so viele ausgelassene Shimmies auf einmal gesehen🙂

Natürlich tanzen die Frauen in ihrem Eifler Kuhdorf keinen „High Quality Raqs Sharki“ wie die Bellydance Superstars. Das ist auch gar nicht ihr Anspruch und liegt vielleicht auch gar nicht im Rahmen ihrer Möglichkeiten (damit meine ich nicht ihr Alter oder ihre Fähigkeiten – ich komme ja selbst aus dem eher provinziellen Saarland und weiß, wie schwierig es sein kann, sich vernünftig fortzubilden.) Und ja, Orientalischer Tanz kann eine hochwertige Tanz- und Kunstform sein, für die man jahrelang hart trainieren muss und die meilenweit von dem entfernt liegt, was im Film gezeigt wird. Die Abwertung des „Hausfrauen-Bauchtanzes“ halte ich jedoch für anmaßend – auch DAS ist Bauchtanz! Eben in einer ganz anderen Form mit eigener Daseins-Berechtigung. Die Fußballspieler der Nationalmannschaft regen sich ja auch nicht darüber auf, wenn sonntags auf dem Dorfplatz gekickt wird.

Ist „Die mit dem Bauch tanzen“ ein Film über Bauchtanz?

In erster Linie ist es ein Film über Frauen. Und ein verdammt kluger dazu. Mehr als einmal habe ich bedauert, kein Blatt Papier und einen Stift zur Hand zu haben, um Zitate zu notieren. Die Frauen im Film, allen voran die Mutter der Regisseurin, sind authentisch und sympathisch. Sie erzählen von Falten, den Wechseljahren, der Gemeinschaft mit den anderen tanzenden Frauen. Als es heißt, das Leben zwischen zwanzig und dreißig sei furchtbar anstrengend, weil man ständig auf der Suche nach irgendetwas sei, nicken alle Frauen im Publikum. „Die mit dem Bauch tanzen“ ist eigentlich ein Frauenfilm mit ganz viel Lebensweisheit.

Ist der Bauchtanz im Film also nur eine zufällige Komponente?

Ich hab die Frage meinen Schülerinnen gestellt, die mit mir zusammen im Kino waren: Wäre das Selbstverständnis der Frauen dasselbe, wenn sie sich einmal in der Woche zum Yoga treffen würden? Oder zum Stricken? Zum Boxen? Ein nahezu entrüstetes „nein“ ist die Antwort: Alle haben am eigenen Körper erfahren, welche Kräfte der Bauchtanz wecken kann. Ich auch. Nicht ohne Grund kennt die tantrische Lehre die am unteren Ende der Wirbelsäule ruhende Kundalini-Energie. Außerdem betonen alle Frauen den weiblichen Aspekt des Bauchtanzes – nicht nur in der Art der Bewegungen, sondern auch in der Gemeinschaft der Mittänzerinnen. Wenn die Frauen im Film über das tanzen erzählen, haben sie ein unglaubliches Strahlen im Gesicht.

Insgesamt hat der Film mir sehr gut gefallen – und auch meine Schülerinnen, gut zehn Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 50, waren begeistert. In vielen Szenen kann man sich selbst entdecken – und an vielen ein Beispiel nehmen. Ich kann den Film allen Frauen nur wärmstens an Herz legen, egal, ob sie (schon) tanzen oder nicht.

Habt Ihr den Film gesehen? Ich würde mich über Kommentare und eigene Meinungen!

Hüftschwingende Grüße

Eure Asherah

Infos zum Film gibt es hier auf der offiziellen Website: http://www.bauchtanz-film.de/

4 thoughts on “Rezension: „Die mit dem Bauch tanzen“

  1. anahitakiel sagt:

    Hi Suesse <3,

    DANKE fuer Deine Rezension!
    Leider habe ich den Film noch nicht sehen koennen, aber vieles darueber gelesen und besprochen. Ich denke auch wie Du! Das, was in dem Film gezeigt wird, ist die Realitaet an der Basis. Wie viele kleine Orte gibt es, die fast alle ihre VHS und natuerlich ihren Bauchtanz-Kurs haben … und wie viele Frauen gibt es, die gar nicht supertoll werden koennen bzw. wollen (wie Du ja schon erwaehnt hast). Es geht um die Weiblichkeit, die mit unserem schoenen Tanz in einem geschuetzten Rahmen ausgelebt wird und das tut soooooooo gut.
    Dein "Fussball-Bild" gefaellt mir gut – es trifft ins Schwarze.

    Dieser Film hat, so finde ich, auch eine Botschaft an diejenigen, die den Tanz als hohe Kunst ausueben: Sich einmal umschauen, zurueckblicken. Es stellt sich dann doch die Frage "Wo ist diese wunderbare Gemeinschaft geblieben? Zickenalarm, Ellenbogenmentalitaet, Schoenheitswahn, aufgespritzte Lippen, kuenstliche Brueste, Facelifting … etc. … Ist das der Weg?

    Ich habe mich vor einiger Zeit wieder meiner alten Liebe – dem Hawaiianischen Tanz zugewandt, und dort etwas wiedergefunden – den ALOHA-Spirit! LIebe, Frieden, Harmonie, Respekt und Ehrlichkeit im Umgang mit sich, ihren/seinen Mitmenschen und der Natur.
    DAS WUENSCHE ICH MIR FUER DEN ORIENTALISCHEN TANZ.

    In diesem Sinne
    ALOHA und einen wunderbaren Tanzweg🙂

    Anahita

  2. Anja sagt:

    Auch ich habe den Film noch nicht gesehen, werde ihn mir aber unbedingt ansehen. Auch ich bin eine „alte“ Tänzerin von 46, mit Sicherheit nicht den Ansprüchen genügend, die wirklich trainierte und gute Tänzerinnen haben, aber das ist egal, ich hab Spaß dabei und ich merke selbst, wie mir sich schon das Grinsen ins Gesicht wächst, wenn ich nur eines der Musikstücke höre, die so typisch ist für „unseren“ Tanz. Das tut mir gut und was mir gut tut, IST gut. Außerdem sehe ich selbst wirklich gerne die „alten“ Tänzerinnen, die so mit Herz und Seele dabei sein, sie strahlen etwas aus, was viele junge, perfektionierte Tänzerinnen nicht, oder (leider) noch nicht haben. Ich selbst habe u. a. bei Sybille Shams zusammen mit meiner Tochter getanzt und auch für meine Tochter war und ist ihre tanzende „alte“ Mutter nie ein Problem gewesen, auch wenns hier und da mehr schwabbelt, als bei andren😉 , eher das Gegenteil war der Fall.
    In diesem Sinne, lasst uns tanzen
    Anja

  3. Ich finde Deine Rezension sehr interessant. Ich habe den Film noch nicht gesehen. Die unterschiedliche Wahrnehmung des Films in den verschiedenen Rezensionen zeigt mir aber, dass hier der Bauchtanz nicht als das angesehen wird was er ist: der weiblichste aller Tänze. Deshalb verbindet er alle Frauen. Es gibt viele, die möchten ihn gern einer künstlerischen Elite vorbehalten und mögen es deshalb nicht, wenn er als wie Du schreibst „Hausfrauen-Bauchtanz“ dargestellt wird. Aber dieser Tanz schließt nun einmal niemanden aus. Zum Glück!

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