Für wen tanze ich eigentlich?

Vor einiger Zeit hatte ich im Rahmen einer Lesung mit Christian von Aster einen Auftritt in einem mittelalterlichen Restaurant. Der Autor las aus seinem Buch „Der Harem der verschleierten Geschichten“ und weiteren Werken und zwischen den einzelnen Geschichten tanzte ich zur Auflockerung und szenischen Untermalung.

Ich habe über dieses Event bereits einen Artikel veröffentlicht, den Ihr hier nachlesen könnt, wenn Ihr möchtet. Heute möchte ich aber auf etwas anderes eingehen, dass sich am Rande dieser Veranstaltung ereignete: Nach dem Ende der Lesung kam eine ältere Dame zu mir, um mir zu sagen, wie sehr Ihr mein Auftritt gefallen habe. Über solches Feedback freut sich eine Tänzerin natürlich sehr, zumal die Dame wirklich sehr begeistert war. Anscheinend hatte ich sie mit meinem Tanz wirklich bezaubert. Meine Freude darüber wurde jedoch vom folgenden Nebensatz getrübt, denn die Dame führte munter aus, dass sie „ja überhaupt keine Ahnung habe.“

?!?!?

Ich war ob dieser Aussage ganz schön irritiert und habe lange darüber nachgedacht. Zum einen fand ich es einfach schade, dass die Dame ihr eigenes Empfinden so abgewertet hat – braucht es denn Fachverstand, um eine Darbietung (gleich ob Tanz oder sonstiges) zu genießen? Ich denke nicht! Ich bin zwar der Meinung, dass das Publikum intuitiv spürt, ob eine Tänzerin technisch gut ist, ohne genau über Shimmies und Co. Bescheid zu wissen, aber gleichzeitig bin ich der festen Überzeugung, dass zu einem guten Tanz so viel mehr gehört als nur die technisch perfekte Umsetzung verschiedener Bewegungen. Seele, Ausdruck, Gefühl, Authentizität, und Charme sind hier die passenden Schlagworte. Was passiert, wenn nur auf die technische Seite des Tanzes geachtet wird, kann man immer wieder gerade bei den klasssischen Orient-Galas erleben. (Und bevor jemand falsche Schlüsse zieht: Ich bin sehr wohl für ausgefeilte Technik! Aber eben nicht ausschließlich.)

Zum anderen hat mich der Kommentar der Dame dazu bewegt, über die Frage nachzudenken, für wen ich eigentlich tanze bzw. tanzen möchte. Für das Fachpublikum, das jeden meiner Schritte und jede meiner Hüftbewegungen analysiert? Das weiß, ob schon mal jemand zu „meiner“ Auftrittsmusik getanzt hat und wo ich mein Kostüm gekauft habe? Oder lieber für all die anderen Menschen da draußen, die vielleicht noch nie auf einer Bauchtanz-Gala waren und nicht den Unterschied zwischen ägyptischem und türkischem Stil kennen?

Meine Entscheidung ist klar gefallen. Für letzteres. Denn ich will nicht nur für eine fest definierte Szene tanzen, in der sich alles nur umeinander dreht. Ich möchte Menschen erreichen, sie in eine andere Welt entführen, ihnen Geschichten erzählen. Sie für eine Weile aus ihrem Alltag reißen, zum lachen bringen oder zu Tränen rühren. Das ist es, was der Tanz für mich bedeutet. Aus diesem Grund waren meine beiden großen Shows auch ganz klar themenorientiert, zeichneten sich durch einen roten Faden aus und bezogen andere Stile und Darbietungen mit ein. Auch die Gothla-Shows meiner Kollegin Salamandrina, bei denen ich mehrfach auftreten durfte, richteten sich nicht an ein Fachpublikum, sondern an die Besucher des WGT.

Ich würde sogar so weit gehen, in dem „Szene-Gedanken“ einen Grund für die vielen schlecht besuchten Orient-Galas sehen: Die meisten richten sich nur an das Fachpublikum, also an andere Tänzerinnen (egal ob Laie oder Profi). Da wird z.B. mit großen Gast-Stars geworben, die in der Szene einen großen Namen haben und die Kosten für die Show in die Höhe treiben, dem viellleicht kulturell interessierten Bürger des Veranstaltungsortes aber überhaupt nichts sagen und auch genauso wenig vor die Tür locken, wie die schlichte Ankündigung „großartiger Bauchtanz-Darbietungen“.  Dann sitzen wieder „nur“ andere Tänzerinnen im Zuschauersaal. Die Szene ist jedoch begrenzt und vielleicht auch übersättigt. Und die Frage, ob man wirklich nur noch vor denen tanzen möchte, deren Shows man dann im Gegenzug besucht, muss jede für sich selbst beantworten.

Was meint Ihr dazu? Ich würde mich über Rückmeldungen zu diesem doch brisanterem Thema freuen!

Hüftschwingende Grüße
Eure Asherah

4 thoughts on “Für wen tanze ich eigentlich?

  1. doerthe sagt:

    Super geschrieben. Und ich stimme Dir zu.
    Ich habe mal auf dem 70. Geburtstag von meinem Schwiegervater eine kleine Vorführung gemacht. Mich sehr gut vorbereitet und mich mit der Auswahl der Musik und dem Inhalt sehr lange beschäftigt. Als ich dann vor lauter Aufregung fast einen Rückzieher gemacht hätte dachte ich mir: Come on…DU hast doch einfach nur Spaß und möchtest die Feier auflockern und möchtest die Leute entführen und denen mal was anderes zeigen. Das Feedback war unglaublich. Ich durfte während meiner 8-minütigen Darbietung in erstaunte und fröhliche Gesichter blicken. Und der Beifall und die Anerkennung hinterher waren so toll für mich. Man hat mir mehrfach gesagt, wieviel Spaß es gemacht hat zuzuschauen und ob man mich „buchen“ kann. Es war keiner im Publikum, der selbst tanzt oder bei dem man Fachkenntnis hätte annehmen können.
    Fachleuten wäre sicher aufgefallen, was ich alles falsch oder laienhaft gemacht habe. Und das hätte mir den Spaß widerum komplett verhagelt.
    Liebe Grüße!

    • Danke für Deinen Erfahrungsbericht, liebe Dörthe! Zum Glück hast Du Dich nicht abhalten lassen – und hast so gute Energien produziert, für Dich, Deinen Schwiegervater und seine Gäste. Und darum geht es doch, oder?

  2. Sylvia Sorg sagt:

    Liebe Tanja🙂
    Ich wollte, ich hätte nur einen Bruchteil von Deinem Selbstbewusstsein, dann würde ich mir weniger Gedanken und Sorgen um meine Familie machen. Deine Mutter wäre wirklich sehr, sehr stolz auf Dich!

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